Eschaton—Kunststiftung Anselm Kiefer

Barjac

Anselm Kiefer

Auszug aus dem Kapitel Barjac, in:
Anselm Kiefer, Die Kunst geht knapp nicht unter, Vorlesungen am Collège de France,
Edition Heiner Bastian im Schirmer/Mosel Verlag, München, 2020, S. 125-132

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Mein Umzug nach Barjac geschah 1992. (…) Alles, was hier entstanden ist, kam aus dem hervor, was ich aus Deutschland hierher mitgebracht hatte: Die Fotos aus der alten Zeit aus Buchen, die Bücher, die unfertigen Bilder, selbst die Materialien kamen von dort, vor allem das Blei vom Dach des Kölner Doms. Und im selben Ausmaß, in dem ich mich hier fremd fühlte, habe ich wie ein Verrückter zu bauen begonnen, Straßen angelegt, Gebäude errichtet, Bäume gepflanzt, Pflanzen gesetzt, Einfriedungen vorgenommen. (…) Irgendwann kam dann die Idee mit den Tunneln auf. Da es oben nichts zu sehen gab, bin ich in die Tiefe gegangen. Es war eigentlich keine Idee, sondern eher ein Reflex. (…)

Towers in the snow in La Ribaute
Photo: Anselm Kiefer

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Als der erste Tunnel dann fertig war, dachte ich an die sieben Himmelspaläste, und mein Ziel war nun, sieben Gebäude, Gewächshäuser zu errichten, die mit Tunneln miteinander verbunden waren. Ich dachte an eine Materialisierung des Buches, das von der Merkaba handelt, des Sefer Hechaloth. Dieses Buch beschreibt die Initiations-Reise eines Mannes, der durch die sieben Himmelspaläste gehen muss. Dabei verbrennen ihm zuerst die Hände, dann die Arme und so fort, bis er, im letzten Palast angekommen, nur noch Geist ist. Und im selben Ausmaß, in dem er in die Höhe steigt, steigt er gleichzeitig aber auch in die Tiefe, das heißt in sein Innerstes. Eine ständige paradoxe Bewegung in die Tiefe und gleichzeitig in die Höhe. Nachdem man einen langen, dunklen, unterirdischen Weg zurückgelegt hat, kommt man auf einmal mittels einer Treppe in einen lichtdurchfluteten Raum, in dem es auf der gegenüberliegenden Seite eine Treppe nach unten zu dem nächsten Tunnelabschnitt gibt. Und das sieben Mal in Folge.

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Ich habe meine Ateliers oft mit Laboratorien verglichen, man könnte auch an eine Raffinerie oder eine Zeche denken: in solchen Industrieanlagen gibt es eine verwirrende Anzahl von miteinander verbundenen Röhren und Kanalisationen, welche die verschiedenen Teile miteinander auf geheimnisvolle Art verbinden. Ein Hin und Her von Strömen, deren einzelne Funktionen man als Betrachter nicht so leicht begreifen kann.
Sie werden also durch die unterirdischen Gänge gehen, es gibt verschiedene Abzweigungen, und Sie könnten sich da unten eventuell verirren. Nur wer sich von Zeit zu Zeit verliert, hat Zugang zu den allgemeineren Quellen, zu dem unsichtbaren Feld, das stets weiß, was überall geschieht.

Large undergorund room with a sculpture by Anslem Kiefer
Photos: Charles Duprat
Tunnel in La Ribaute

An einigen Stellen gibt es die Möglichkeit, auf Treppen wieder ans Tageslicht zu gelangen und woanders wieder hinunterzusteigen, um in andere Richtungen weiterzugehen. An wieder anderen Orten gibt es Durchblicke nach oben, dort kann man dann jeweils in eines der Häuser hinaufblicken, sieht das Licht herabströmen, das die Werke, Bibliotheken, Bilder, Skulpturen streift und gerade so viel von ihnen verrät, dass sie da sind und auch wieder nicht, dass sie die Dialektik des Verhältnisses zwischen dem Gegenstand und seiner Abstraktion vorführen.

Barjac ist nicht nur eine Anlage, ein Labor, sein Boden lieferte auch einen Großteil der Materialien, die ich für meine Arbeit benötigte. Die Sonnenblumen wurden hier angepflanzt, die Samen kamen aus Japan, innerhalb von einem Jahr wurden sie bis zu sieben Meter hoch. Wir haben hier im Herbst Tausende Tulpen gesetzt, die überwintert haben und sich dann im nächsten Frühjahr emporhoben, blühten und sterbend jeweils einem anderen Stern anvertrauen. Die Blütenblätter wurden getrocknet und für die Bilder der arabischen Poeten verwendet.

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Die verschiedenen Gebäude, die Sie sehen werden, sind nur zum Teil Behältnisse, um darin Kunst aufzubewahren oder auszustellen, denn jedes Kunstwerk braucht seinen eigenen Raum, um wirken zu können. Man kann Kunstwerke sogar – wenn man sie in die falsche Umgebung bringt – bisweilen zerstören. Inzwischen verkaufe ich am liebsten Häuser mit diesen Kunstwerken darin. Es gibt sie, unter anderem, in Salzburg gegenüber dem Festspielhaus, in Italien, Argentinien, Australien, Neuseeland, den USA.
Andere der Häuser wiederum sind aber Teil des Kunstwerkes, das sie umschließen. Das darin befindliche Werk kann nicht isoliert, nicht davon getrennt werden. So werden Sie im östlichen Teil des Areals mehrere Gewächshäuser sehen, die mit den sich darin befindenden Gegenständen eine Einheit bilden.

Field of dead sunflowers
Photo: Anselm Kiefer

Eines dieser Werke, Sternenfall, ist ein umgestürzter Turm – es ist der Turm, den ich 2007 im Grand Palais umfallen ließ. Die Glaswände schaffen einen Rahmen, eine Vitrine, welche die Trümmer von der Umgebung abhebt und ihnen eine Bedeutung gibt. Das Glas der Vitrinen ist eine semipermeable Haut, die die Kunst mit der Außenwelt auf dialektische Weise verbindet (…) Denn es gibt eine spezielle Grenze zwischen Kunst und Leben, die sich oft zwischen dem Einen und dem Anderen oszillierend verschiebt. Ohne diese Grenze gibt es keine Kunst. Im Entstehungsprozess entlehnt die Kunst Elemente vom Leben, und die Spuren davon scheinen noch durch das fertige Kunstwerk hindurch.

Je mehr das Kunstwerk von dem Kampf an der Grenze zwischen Kunst und Leben betroffen ist, desto interessanter ist es. Die gläserne Haut bei den Gewächshäusern ist diese umkämpfte Grenze. Gewächshäuser werden normalerweise gebaut, um die Sonne zu konzentrieren, damit ihre wärmenden Strahlen im Winter eingefangen werden und nicht wieder in den Weltraum entweichen. Diese Semipermeabilität konzentriert die von der Sonne augesandte, kosmische Energie. Und das wiederum ist eine Metapher für die Kunst.

A concrete tower sculpture in La Ribaute
Photo: Charles Duprat

Der Ausgangspunkt für diese Betonskulpturen liegt relativ weit zurück. Als ich 1981 zum ersten Mal in New York ausstellte, sah ich, wie der West Side Highway am Hudson River abgerissen wurde. Auf einer kilometerlangen Strecke lagen da diese auseinandergesprengten Teile des Highway herum. Ich war fasziniert von diesen Betonbrocken, aus denen die Armier-Eisen, verbogen und rostig, herausragten – wie unterbrochene Synapsen eines Großhirns. Oder wie die Tentakel riesiger Polypen. Oder wie Würmer, die sich krümmend nach dem Dunkel der Erde sehnen. Die Assoziationen waren zahlreich und es dauerte fünfundzwanzig Jahre, bis ich einen Weg fand, diesen am Beginn der 1980er Jahre erfahrenen wunderbaren Schock umzusetzen, zu formulieren. Das was Sie hier (in Barjac) sehen, ist das vorläufige Ergebnis auf meiner Suche nach der Erklärung für diesen Schock.

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Ich will Ihnen nicht alle Gebäude und Installationen, die Sie ja nun selbst sehen werden, vorstellen. Es ist interessanter, dass Sie das alles unbefangen, ohne meinen Kommentar entdecken. Nur soviel möchte ich noch sagen: All die Dinge, die Sie hier sehen, bilden eine Einheit, sie stehen in Bezug zueinander, sie ergänzen sich, streiten sich, entfernen sich zuzeiten voneinander und treffen wieder aufeinander. Sie sind alle vernetzt – und nicht nur durch die augenfälligen Brücken und Tunnel, sondern überhaupt: durch ihre inneren Bezüge.